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Kollektivgegenstand und Selbstreproduktion

Zuerst war die Selbstreproduktion. Sie ist eine Gestaltungsmethode der improvisierenden Malerei.
Wenn man improvisierend malt, d.h. man fängt einfach an und hat noch keine klare Idee im Kopf, ergeben sich willkürlich Figuren, die zwar noch nicht deutlich erkennbare sind, aber in das vorläufige Malergebnis hineingesehen, hineininterpretiert werden können.
Die Figuren sind der Beginn, sozusagen die Keimzelle und beginnen sich nun zu reproduzieren.
Das kann in der Weise geschehen, dass die Figuren einen Rhythmus andeuten, den ich zu einem Muster oder Gewebe ausarbeite, durch Wiederholung und geometrische Anordnung. Muster und Gewebe bilden einen Raum.
Es kann aber auch in der Weise geschehen, dass ich im hingeworfenen Anfang ein Objekt erkenne und zu entwickeln beginne.
Man könnte auch sagen, das Objekt sei die Melodie und das Gewebe sei der Rhythmus.
Einmal habe ich zuerst den Rhythmus, ein andermal zuerst die Melodie.
Die beiden Hauptrichtungen meiner improvisierten Malerei sind also die rhythmische und objekthafte Richtung.
Hinzu treten Vorstellungen von Farbgebung.
Durch Sammlung oder Verdichtung erhebt sich aus dem Rhythmus Gegenständliches, umgekehrt werden Linien oder Strukturen eines Objekts in dessen Umgebung verlängert, d.h. Objekt und Gewebe (bzw. Melodie und Rhythmus) werden ineinandergeflochten oder in ein Spannungsverhältnis zueinander gebracht.
Nachdem ich erkannt hatte, dass dies die Art und Weise ist, wie ich improvisierend male, begann ich das, was ich bisher unbewusst vollzogen hatte, planmäßig hervorzubringen. Dem malen wurde nun die Idee der Selbstreproduktion vorangestellt, nachdem sie durch Analyse des Malvorgangs extrahiert worden war.
In wechselwirkender Beziehung von Objekt und Gewebe entsteht ein Gegenstandsgewebe, das ich als Kollektivgegenstand bezeichne, das sind komplexe Gebilde, bei denen das Moment der Organisation stark entwickelt ist, Gegenstände, die als Einheiten vorzüglich Vielheit präsentieren.
In der Natur gibt es Kollektivgegenstände wie System, Kreislauf, Haufen, Gruppe, apparatehafte, geschichtete oder systemische Gebilde, auch organische Einheiten wie Kosmos, Zelle, Stadt.
Statt wirklicher Kollektivgegenstände male ich erfundene, gewissermaßen selbstreproduktiv emporgewachsene Kollektivgegenstände mit der Intention, sie gleichzeitig in ihrer äußeren Gestalt wie auch in ihrem Innenleben darstellen zu wollen, sodass sie sich notwendig als eine Zwischenform zwischen Gegenständlichem und Ungegenständlichem ergeben.
Im Spannungsverhältnis von Einheit und Vielheit stellen Assoziationen die Beziehung der Figuren untereinander her, per Assoziation werden aus den selbstproduktiven Figuren Variationen. Assoziation ist auf die Vielheit, man könnte auch sagen, auf die Einzelheit, auf das Fragment gerichtete inhaltliche Bestimmung.
Auf die Einheit des Bildes gerichtet ist die Idee der Stimmung, die sich im Fortgang zum Milieu verdichtet, rhythmischer Figurenkonstellationen.
Zu jedem Bild, jedem Milieu assoziiere ich fortsetzende Darstellung desselben aus anderer Perspektive oder in einer Schicht, Neigung zum selbstreproduktiven Hinausgehen des Milieus über sich selbst, ganz so wie in musikalischen Werken verschiedene Tempi oder Charaktere oder korrelierende Motive des Grundmotivs entfaltet werden, Neigung zum mehrgliedrigen, geschichtenhaften darstellen von Figurenkonstellationen.
Ungern verlasse ich das einmal gewohnte Milieu. Es wäre schön, wie ein Musiker dasselbe Bild immer wieder neu spielen zu können.
Einflüsse für mein selbstreproduktives Treiben sind unter anderem J.S. Bach, der Meister der Variation, G.W.F. Hegel mit seiner Forderung, man müsse IN den Dingen stehen, über die man denke, sowie die leiernd – luftigen Gesänge religiöser Musik.

Notation

Notation ist die sichtbare, d. h. die gezeichnete, gemalte Seite von Sprache und Musik, ihre visuelle Repräsentation. Notation ist aber mehr als nur Zeichen oder Repräsentation, wenn man will. So hat beispielsweise die Musik-Notenschrift selbst etwas geschwungen musikalisches, ganz abgesehen davon, dass sie für Musik steht.
Ich fasse als Malender Notation eher als eigenständiges Gebilde auf, welches sich, in dem es den Bildraum selbstreproduktiv ergreift, zu Figürlichkeit und Gegenständlichkeit erhebt.
Zugleich aber bleibt Notation Zeichen für Sprache und analog zur Sprache ist sie Schnittstelle des Inneren und des Äußeren. Der sprachliche Ausdruck ist dem Gegenstand einerseits äußerlich, sofern er nicht der Gegenstand ist. Er gibt ihm bloß einen Namen. Das Hervorbringen und Herstellen von Gegenständen ist aber nur durch sprachliche Vermittlung möglich, mehr noch die Sphäre der Bedeutung. Und daher gehört sprachlicher Ausdruck auch zum Inneren von Gegenständen.
Notation steht dafür, soll dafür stehen, dass den Dingen, die auf den Bildern sind und überhaupt allen Dingen, die es gibt, eine Art von Sprache innewohnt, die zu vernehmen in der Obhut des Menschen liegt. In gewisser Weise wenden sich alle Dinge uns zu, sie teilen sich uns mit, oder, was dasselbe ist, sie stehen zueinander und zu uns in Beziehung.
Die Dinge sprechen eine mögliche Sprache, sozusagen eine Geheimsprache, und solche Sprache zu identifizieren oder zu erfinden oder zu notieren ist meine Absicht. Wie jede mögliche Sprache steht Notation sowohl immer für sich selbst als Akt des Sprechens, und sie steht zugleich für Anderes, als Bezeichnen und Bedeuten. Wenn das Experiment gelingt, wohne ich in Bildern und spreche in ihnen, spreche Bilder.

Innere Bildbewegung

Die erste Bewegung ist die Erhebung der selbstreproduktiven Tendenzen zur Konstruktion eines Bildes. Im Mittelteil spiele ich mit Möglichkeiten, basierend auf der Grundlage des Vorhandenen.
Wenn ein Bild dann so weit emporgewachsen ist, dass seine Elemente weitgehend feststehen, beginnt erst die eigentliche Malerei. Diese besteht in dem Versuch, ein Bild zu vollenden. Ich versuche stets, Bilder zu vollenden auch wenn das Ende immer nur ein labiles Gleichgewicht darstellt.
Ein Bild zu vollenden ist nichts anderes als der Versuch, es schön zu machen, indem ich die durch das Bild gesetzten Bewegungen entweder betone oder schwäche oder ausschließe und dabei das Milieu im Auge behalte.
Die innere Bewegung setzt sich zusammen aus Farbe, aus hell-dunkel und aus den mannigfachen Notationselementen, bezogen auf das Bildmilieu.
In diesem, dem malerischen Stadium entfernt sich der Schaffensprozess weitgehend von jedem Bildinhalt ; es herrscht sozusagen die reine Selbstreproduktion des Bildes, die naturgemäß meine Motorik, meine persönliche Handschrift trägt.
Vorwiegend im Zustand der Unzufriedenheit erlaube ich mir, mit brachialen Korrekturen gewissermaßen von außen ins Bild einzugreifen oder Bildteile abzuschneiden.
Die Betonung von innerer Bewegung führt nicht zwangsläufig zu einem unruhigen Resultat. Auch Ruhe ist eine Variante von innerer Bewegung. Neben einheitlichen gibt es auch bipolare, polypolare Milieus, die zum Konflikt, zur Spannung führen. Zudem schließt meine Vorstellung vom Schönen das Disharmonische mit ein.

Bernhard Gans, geboren 1964, verheiratet, hat Philosophie und Russisch studiert.

Selbstreproduktion ist eine Gestaltungsmethode der improvisierenden Malerei.

Kollektivgegenstände sind komplexe Gebilde wie Zelle, Stadt, bei denen das Moment der Organisation stark entwickelt ist.

Notation steht dafür, dass allen Dingen eine Sprache innewohnt.

Innere Bildbewegung setzt die Selbstreproduktion durch bis zum Ende.